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Es gibt keine Fehler, nur Feedback

Aktualisiert: 6. Aug. 2025

Hallo und herzlich willkommen zu Beziehungs-Mindset. Deiner Podcast-Inspiration für gute Beziehungen, Kommunikation und wie noch mehr Lebensglück aus deinen Beziehungen ziehst. Mein Name ist Dr. Daniel Köpke und auch in dieser Folge habe ich dir wieder eine Grundannahme aus dem NLP für dich mitgebracht. Die Grundannahme lautet: „Wenn du etwas tust und es funktioniert nicht, dann tue etwas anderes“. Manchmal heißt es auch: „Es gibt keine Fehler – es gibt nur Feedback.“ In anderen Quellen findest du vielleicht so etwas wie: „Der Empfänger der Kommunikation bestimmt die Bedeutung der Botschaft.“


Im Grunde geht es immer um das gleiche. Nämlich dass wir den Effekt der Kommunikation in den Vordergrund rücken. Und weniger das Ziel und die Absicht. Und das könnte auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu der Grundannahme in der letzten Folge „Jedes Verhalten folgt stets einer positiven Absicht“ wirken. Denn wenn du im Konflikt so etwas sagst wie „ich habe es doch nur gut gemeint.“ Kommunizierst du doch eigentlich eine gute Absicht, oder? Wahrscheinlich zeigt dir hier auch deine Lebenserfahrung, dass diese Art der Kommunikation im Konflikt nur selten zu Lösung beiträgt. Denn ob Kommunikation gut ist, misst sich nur selten an der Absicht, die dahintersteht. Sondern an daran, ob die Kommunikation zu dem führt, was du willst… Und wenn sie das nicht tut… Naja, dann solltest du kreativ werden und etwas anderes tun. Darum soll es in dieser Folge gehen.

 

Vermutlich würdest du dieser Grundannahme wie die Meisten inhaltlich zustimmen. Es ergibt ja Sinn, etwas anderes zu tun, wenn das erste nicht den gewünschten Effekt gebracht hat. Wie in dieser Edison-Geschichte, der gesagt hat er wäre nicht 10000 Mal beim Versuch die Glühbirne zu entwickeln gescheitert. Er habe nur 10000 Wege gefunden, die nicht funktionieren. Doch in der Praxis ist das einer dieser Sätze, die man leicht versteht und nur schwer wirklich umsetzen kann. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir geht es immer so, wenn ich Leuten von diesem Einstein-Zitat erzähle, dass es die Definition des Wahnsinns sei immer dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten, dann nicken immer alle ganz beeindruckt und im nächsten Moment haben sie die Fernbedienung in der Hand, wollen den Fernseher leiser machen und der Fernseher reagiert nicht. Und anstatt etwas anderes zu tun, drücken sie den Knopf nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und das einzige was sie anders machen: Sie drücken doller auf den Knopf.


Nein, dass sich daran wirklich etwas ändert, reicht es nicht, diese Grundannahme einfach nur zu hören. Dafür müssen wir uns ein paar grundlegende Mechanismen anschauen, wie eine Beziehung eigentlich funktioniert.

 

Der Marktplatz der Bedürfnisse


Aber lass uns mal vielleicht so einsteigen: Stell dir eine Beziehung wie einen Marktplatz vor. [Pause] Einen Ort, an dem Menschen wertvolle Dinge tauschen. Der eine gibt das eine, und dafür bekommt der andere das andere. Nur dass auf diesem Marktplatz nicht Gewürze, Kräuter und Teppiche gehandelt werden, sondern eher abstrakte, emotionale „Güter“, die Bedürfnisse. Oder viel mehr die gegenseitige Erfüllung von Bedürfnissen.


Im Gegensatz zum richtigen Marktplatz gibt es auf dem Marktplatz der Beziehungen aber kein Universal-Tauschmittel wie Geld, das einfach jeder haben will, weil man es wieder gegen alles andere eintauschen kann. Auf dem Marktplatz der Beziehungen gibt es ausschließlich Tauschhandel: Jeder hat etwas Bestimmtes anzubieten und braucht dafür etwas anderes. Bedürfnisse können aber so etwas sein wie:


-          Aufmerksamkeit und Bestätigung, eine Validierung der eigenen Gefühle und Zuwendung

-          bestimmte Gefühle, die man in der Beziehung erleben kann: Verliebtheit, Sinnlichkeit, Verbundenheit, Geborgenheit oder Sicherheit

-          eine Gelegenheit, eine bestimmte Erfahrung zu machen wie Abenteuer, Wachstum, ein Kind zur Welt zu bringen und groß zu ziehen, jemanden mit einem Geschenk zu überraschen oder Insider-Witze, die nur ihr beide versteht…

-          ein bestimmter gesellschaftlicher Status, also eine bestimmte Art und Weise, wie du von anderen Menschen wahrgenommen wirst

-          Sex – sei es als Gelegenheit sich fortzupflanzen oder aus reinem Vergnügen

-          eine Gelegenheit, eine bestimmte Seite von sich zeigen zu können, die z.B. liebevoll, authentisch, großzügig, hingebungsvoll oder dankbar ist.

-          oder eben ganz konkrete emotionale, praktische, finanzielle Unterstützung oder eine Hilfestellung bei einem ganz konkreten Problem.

-          Oder eben auch Geld – denk nur an eine Beziehung zu einem Arbeitgeber oder zu einem Kunden.


All diese Bedürfnisse haben ein gewisses subjektives Mangelgefühl gemeinsam. Jemand der gerade von einem All-You-Can-Eat-Buffet aufsteht, wird wohl kaum 10€ für ein Brot bezahlen. Jemand der gerade am Verhungern ist sicher schon. Und jemand, der sich allgemein sehr sicher in seinem Leben fühlt, wird kaum Wertschätzung für Menschen aufbringen, die ihm ein Gefühl von Sicherheit vermitteln wollen. Jemand, der sehr mit Unsicherheiten zu kämpfen hat vielleicht schon.


Man hört ja gerade in so spirituellen Kreisen immer, dass man nicht so in das Mangeldenken gehen soll. Ich glaube aber, wenn wir die Fähigkeit dazu hätten, ALLE unsere Bedürfnisse ohne jedes Mangelerleben selbst zu befriedigen – wofür bräuchten wir dann eigentlich noch Beziehungen? Wenn wir alle einfach erleuchtet wären – und das ist ja zum Beispiel der buddhistische Weg: sich von allem Verlangen frei zu machen, bräuchten wir keine Beziehungen mehr. Nein, ich glaube, ein gewisser Mangel ist sogar nötig für Beziehungen. Denn ohne Mangel keine Bedürfnisse. Und ohne Bedürfnisse gibt es auf dem Marktplatz der Beziehungen nichts zu handeln.


Bedürfnisse und Grenzen


In Beziehungen handelt man also mit der Erfüllung von Bedürfnissen: Du erfüllst mein Bedürfnis und dafür erfülle ich deins. Du hörst mir gut zu und gibst mir das Gefühl, verstanden zu werden und dafür nehme ich dich mit in den Abenteuerurlaub. Und im besten Fall fühlt sich der Deal für beide so an, als hätten sie ein Schnäppchen damit geschlagen. Wenn meinem Beziehungspartner ein Gefühl von Sicherheit wichtig ist. Und es fällt mir leicht, dieses Gefühl zu vermitteln. Dann haben wir beide gewonnen ohne dass sich jemand dafür anstrengen musste. Was aber, wenn es einem eben nicht leicht fällt, dieses Gefühl zu vermitteln? Oder mehr noch: Wenn er das überhaupt nicht kann, oder vielleicht einfach nicht will? Dann kommen wir an eine Grenze.


Grenzen sind quasi Bedürfnisse, die auf dem Kopf stehen. Und diese Grenzen können entweder nun ein Bedürfnis in der Gegenwart darstellen, wie dass jemand zu erschöpft, zu abgelenkt oder zu angepisst ist um dir zuzuhören – oder aber es sind grundsätzliche Regeln und Glaubenssätze, die bestimmte Verhaltensweise verbieten oder fordern. Das kann so etwas sein wie:

-          dass man vor den Kindern nicht streiten darf,

-          dass keine Geheimnisse vor seinem Partner haben darf,

-          dass man Fremde Menschen nicht umarmt

-          dass Freundschaften zum anderen Geschlecht in einer Beziehung gar nicht gehen.

Die meisten Grenzen lassen sich aber auch als Bedürfnisse formulieren:

-          Hinter dem Wunsch, nicht vor den Kindern streiten kann für ein Bedürfnis nach Harmonie stehen.

-          Der Wunsch, der andere möge eine Geheimnisse vor dir haben kann ein Ausdruck von seinem Bedürfnis nach Transparenz sein

-          Der Wunsch nicht umarmt zu werden kann aus einem Bedürfnis nach Raum und Autonomie motiviert sein

-          Und das Verbot von Freundschaften zum anderen Geschlecht kann aus ein Bedürfnis nach Sicherheit stammen.


Auch Grenzen sind also auf eine gewisse Art und Weise Bedürfnisse. Nur dass es bei Grenzen eben um Dinge geht, die wir nicht wollen und bei Bedürfnissen um Dinge die wir wollen. Und nachdem die beiden Begriffe quasi Synonyme sind, würde ich gern vorwiegend über Bedürfnisse reden. Erstens, weil ich das Wort schöner finde, zweitens weil es die Sache vereinfacht und verständlicher macht und drittens, weil ich es für Beziehungen hilfreicher finde, über die Dinge zu sprechen, die man will, statt über die Dinge die man nicht will.


Konflikte


Und solange die Bedürfnisse des einen und des anderen sich nicht ins Gehege kommen ist es normalerweise auch kein Problem, dass Menschen einander ihre Bedürfnisse befriedigen. Und je besser die Bedürfnisse der beiden Beziehungspartner zusammenpassen, desto kompatibler sind sie für eine Beziehung. Und der Optimalfall, von dem glaube ich viele Menschen träumen wäre ja, dass sich die Bedürfnisse und Grenzen beider Partner niemals in die Quere kommen. Aber mal ehrlich: Wie oft hast du das schon erlebt? Richtig. Nie. In der Realität stoßen wir dann aber doch in Beziehungen in Situationen, in denen das Bedürfnis des einen ausgerechnet die Grenze des anderen ist…


Der eine will Offenheit und Ehrlichkeit, aber der andere will seine Privatsphäre wahren. Oder aber er ist aufgrund seiner biographischen Prägung gar nicht in der Lage, offen und ehrlich zu sein. Oder er ist gerade im Moment einfach zu gestresst um überhaupt an seine Gefühle ran zu kommen und sie offen und ehrlich zu mitzuteilen.


Es ist an sich auch gar kein Problem, wenn es MAL zu einem Konflikt kommt. Es ist nur eine Frage der Häufigkeit. Einer der bekanntesten Beziehungspsychologen, John Gottman, hat in groß angelegten Beobachtungsstudien von Paaren einmal festgestellt, dass Beziehungen von Paaren, die mindestens 5 mal mehr positive als negative Interaktionen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit langfristig stabile und glückliche Beziehungen führen. Das heißt, auf jeden Konflikt sollten mindestens 5 erfolgreiche Bedürfnis-Handel stattfinden, damit beide Partner langfristig zufrieden in der Beziehung bleiben.


Doch gerade im Konflikt tun Menschen eben oft genau das, was am wenigsten hilft: Mehr von demselben, von dem sie eigentlich schon gesehen haben, dass es nicht funktioniert. Nur mehr, lauter und doller. Und anstatt dass das den Konflikt löst, verschärft es ihn in aller Regel noch weiter. „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass ich es hasse, wenn du das Licht anlässt! Muss ich es dir noch lauter sagen?!“ Oder eben der schon erwähnte Konflikt mit der Fernbedienung.


Woran das liegt? Naja, ich glaube es liegt an zwei Dingen: Erstens bekommen Menschen, die gestresst sind, einen Tunnelblick. Menschen im Stress haben die Tendenz, die Komplexität der Dinge reduzieren zu wollen und sehen dann oft nur noch eine Option. Und das ist eben nicht besonders hilfreich, wenn du dir kreative, andere Verhaltensweisen überlegen sollst oder wie du anders kommunizieren sollst – Und wenn wichtige Bedürfnisse nicht erfüllt oder Grenzen überschritten werden, sind die meisten Menschen stresst. Und zweitens sind die meisten Bedürfnisse sind in vielen Fällen nicht einmal bewusst. Besonders im Stress. Menschen die gestresst sind, wissen nicht mehr was sie wollen. Und wie soll man etwas erfüllen, von dem man eigentlich gar nicht so genau weiß, was es ist und wie man es nennen soll?


Wenn deine Bedürfnisse und die Grenze des Anderen im Konflikt miteinander stehen gibt es lediglich zwei Optionen, den Konflikt aufzulösen. Und beide Optionen verlangen, dass sich einer von euch beiden verändert. Entweder veränderst du dein Bedürfnis oder der andere verändert seine Grenze. Und nachdem ich gerade mir dir rede und nicht mit deinem Beziehungspartner, würde ich dir gern beides aus deiner Perspektive vorstellen, nämlich wie du einerseits dein Bedürfnis verändern kannst, und wie du andererseits dem anderen dabei helfen kannst, seine Grenzen zu erweitern. Und da Variante Zwei, also dem anderen zu helfen, seine Grenze zu überwinden für die meisten Menschen die weniger naheliegende Variante ist, und es in dieser Podcast-Folge ja darum geht, etwas anders zu machen, lass uns mal zuerst darüber reden.


Das Bitte-Nein-Spiel


Wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden, weil sie auf eine Grenze stoßen empfinden das viele Menschen als Ablehnung. Und diese Ablehnung ist für viele Menschen schmerzhaft. Dabei muss es gar nicht so sein. Ablehnung ist weder persönlich noch ist sie notwendigerweise permanent. Es ist einfach ein Feedback, das aussagt, dass der andere gerade nicht bereit oder in der Lage ist, dein Bedürfnis zu erfüllen. Und offen gestanden ist das eigentlich der Regel-Fall.


Die Standard-Antwort auf die Frage, ob wir einander unsere Bedürfnisse erfüllen können ist „Nein“. Zumindest wenn zwei Menschen keine oder nur eine sehr oberflächliche Beziehung haben. Oder was würdest du sagen, wenn ich dir von meinem Bedürfnis nach einer entspannenden Schultermassage erzählen würde? Würdest du mal eben vorbeikommen und mir die Schultern massieren? Wahrscheinlich nicht.


Die meisten Menschen sind nicht bereit, einfach so die Bedürfnisse von anderen Menschen zu erfüllen. Und das ist auch verständlich. Denn jede Bedürfnis-Erfüllung kostet Ressourcen, die per Definition begrenzt sind: Zeit, Geld, Aufmerksamkeit, emotionale Veränderung oder körperliche Kraft. Wenn die normale, spontane, natürliche Antwort von Menschen, ob sie ein Bedürfnis erfüllen wollen ein Nein ist, ergibt sich ein Beziehungsspiel, das Orian Taraban, ein amerikanischer Psychologe, der sich auf Beziehungen spezialisiert hat das „Bitte – Nein“-Spiel bezeichnet.

-          Würdest du mir bitte Anerkennung geben? NEIN

-          Würdest du mich bitte in schwierigen Zeiten unterstützen? NEIN

-          Würdest du mir bitte meinen Freiraum lassen? NEIN

-          Würdest du bitte pünktlich kommen? NEIN


Und wenn schon nicht im gesprochenen Wort, dann oft genug im Verhalten des Anderen.

Und natürlich kann es vorkommen, dass jemand das tut was du willst, indem du ihn einfach darum bittest. Aber in der Praxis wirst du sehr viel öfter ein „Nein“ als ein „Ja“ bekommen. Und wenn die direkte Bitte deine einzige Strategie ist, wirst du in Beziehungen ziemlich oft enttäuscht sein. Und dann rutscht du sehr schnell in in Co-Abhängiges Beziehungsmuster, in dem jedes Mal du dein Bedürfnis aufgeben musst. Nein, wenn es dir um etwas wirklich Wichtiges geht. Dann brauchst du die Fähigkeit, ein Nein in ein Ja zu verwandeln.


Überzeugungsstrategien


In seinem Buch „The Value of Others“, das ich im Übrigen sehr empfehlen kann, beschreibt Orian Taraban eine Reihe von Master-Strategien, wie man mit diesem „Bitte – Nein“-Spiel umgehen kann. Aber lass uns diese Strategien doch gleich mal an ein paar konkreten Beispielen festmachen:


Stell dir mal einen Menschen vor, dessen Bedürfnis eine Gehalterhöhung ist, die er von seinem Arbeitgeber einfordern will. Und er würde das einfach so sagen. Die wahrscheinlich erste Antwort des Chefs wäre ja wahrscheinlich ein Nein. Warum sollte der Chef plötzlich mehr Gehalt bezahlen? Wie könnte dieser Mensch seinen Chef jetzt von einem Ja überzeugen?


Eine Strategie wäre es, über Freundlichkeit versuchen seinen Chef zu überzeugen. Der Mitarbeiter könnte so etwas sagen wie: „Chef ich möchte einfach mal sagen, dass ich es wirklich schätze, hier zu arbeiten. Sie haben eine tolle Art, das Team zu führen, und ich habe so viel von Ihnen gelernt. Ich finde es beeindruckend, wie Sie auch in stressigen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren und einfach für uns da sind. Ich weiß, dass Sie ein Chef sind, der seine Mitarbeiter wirklich wertschätzt und der immer ein offenes Ohr für uns hat. Mir ist nur aufgefallen, dass ich schon sehr lange hier arbeite und noch immer dasselbe Gehalt wie vor einigen Jahren bekomme. Ich bin mir sicher, das ist Ihnen bei all den Feuern, die Sie hier tagtäglich löschen müssen, einfach untergegangen. Aber meinen Sie, Sie finden demnächst eine Gelegenheit noch einmal zu überprüfen, ob mein Gehalt noch dem Beitrag angemessen, den ich für unser Unternehmen leiste?“


Diese Freundlichkeit mag manipulativ erscheinen. Und das ist sie auch. Aber je nachdem wie der Chef drauf ist, könnte das in ihm das Gefühl der Zuneigung und gegenseitigen Verpflichtung erzeugen, das ihn dazu motiviert, das Bedürfnis des Mitarbeiters zu erfüllen.


Eine Variante wäre Mitleid zu erzeugen. Er könnte so etwas sagen wie: „Chef, schauen Sie, die Kosten für meine Miete sind gestiegen, meine Frau hat ihren Job verloren, die Inflation wird immer höher und ich merke einfach, dass es immer schwerer wird, über die Runden zu kommen. Ich liebe meinen Job hier wirklich, ich arbeite mit voller Energie und gebe jeden Tag mein Bestes. Aber ich weiß wirklich ich nicht, wie lange ich das durchhalten kann. Könnten wir da vielleicht etwas an meinem Gehalt machen?“ Paradoxerweise funktioniert Mitleid nicht weil der Mitarbeiter damit seinem Gegenüber ein schlechtes Gefühl erzeugt. Zumindest nicht ausschließlich. Wenn es dem Mitarbeiter gelingt, Mitleid zu erzeugen, gibt er seinem Chef gleichzeitig eine Gelegenheit, sich als großzügiger und guter Mensch und als Retter zu beweisen. Und diese Gelegenheit ist eben an die Erfüllung seines Bedürfnisses geknüpft.


Nehmen ein anderes Beispiel: Nehmen wir an, es wäre mir in unserer Beziehung ein Bedürfnis, dass sich dieser Podcast weiterverbreitet und ich würde dich um einen kleinen Gefallen bitten, dass du ihn likest, kommentierst oder deinen Freunden weiterempfiehlst… Dann könnte ich das natürlich einfach so sagen. Ich glaube, die meisten würden es nicht tun. Und ehrlich: Es ist für mich auch wirklich vollkommen ok, wenn du es nicht tust. Aber angenommen, mein Leben und meine Existenz würden davon abhängen. Dann bräuchte ich auch hierfür eine Strategie um aus deinem Nein ein Ja zu machen.


Eine dieser Strategien ist Verführung. Ich könnte dir also etwas in Aussicht stellen, dass du dafür etwas bekommst, das du haben willst. Ich könnte zum Beispiel einen kosten Platz in meinem Beziehungs-Seminar für glückliche Paare unter den Podcast-Hören verlosen, die einen wertschätzenden Kommentar unter dem Podcast hinterlassen. Wie wäre das? Also nur mal angenommen, du hättest ohnehin überlegt, daran teilzunehmen und der Ticketpreis wäre bisher etwas gewesen, das dich davon abgehalten hat. Dann, würde dir dieses Angebot vielleicht Hoffnung machen. Und an diese Hoffnung ist die Erfüllung meines Bedürfnisses wieder geknüpft.


Eine andere Strategie wäre Einschüchterung. Ich könnte dir also von meinen Mafia-Kumpels erzählen, die über ein spezielles Tool jeden einzelnen Podcast-Aufruf und die dazu gehörige IP-Adresse tracken und bei denen, die nicht mindestens ein Like hinterlassen, vorbei fahren und manchmal sanfte, meist aber eher unsanfte Überzeugungsarbeit leisten… Die Voraussetzung ist natürlich, dass du mir das glaubst. Und ich glaube nicht, dass du mir das glaubst. Aber würdest du mir das glauben, würde dir das vermutlich Angst machen. Und die Auflösung dieser Angst wäre daran geknüpft, dass mein Bedürfnis erfüllt wird.


Ich könnte das Ganze auch verspielt aufziehen und sowas sagen wie: „Stell dir vor, irgendwo in den dunklen Tiefen des Internets sitzt ein kleiner Algorithmus. Und sein Job ist es, Podcasts wie diesen zu analysieren und zu entscheiden, ob sie es verdienen, mehr Menschen angezeigt zu werden. Aber dieser Algorithmus ist ein bisschen… sagen wir, launisch. Er liebt Likes. Jeder Like, jeder Kommentar ist für ihn wie ein kleines Leckerli. Und wenn er genug davon bekommt, dann wedelt er fröhlich mit seinem Schwanz und bringt diesen Podcast zu noch mehr Menschen. Also mach den Algorithmus glücklich. Füttere ihn! Mit einem Like, einem Kommentar oder einer Empfehlung.“


Andere Strategien


Worauf will ich eigentlich hinaus? Nun, auf zwei Dinge: Einerseits wollte ich dir mit diesen Beispielen bewusst machen, dass es, solange du nicht erleuchtet und von frei von jeglichen Bedürfnissen bist, in Beziehungen notwendig ist, die Fähigkeit zu haben, ein Nein in ein Ja zu verwandeln und dass es nicht möglich ist, KEINE Strategie dafür zu haben. Und zweitens wollte ich damit deinen Blick weiten und deine Kreativität anregen, wie viele unterschiedliche Herangehensweisen es geben kann, ein Nein in ein Ja zu verwandeln. Denn wenn du etwas anderes tun sollst, brauchst du ja erst einmal eine Idee davon, was man noch alles anders machen kann.


Es gibt noch viele andere Strategien, mit denen Menschen ein Nein in ein Ja verwandeln kann. Und natürlich funktioniert das mit positiven und mit negativen Emotionen. Wenn Menschen sich als Opfer inszenieren und dem anderen suggerieren, dass er bereits einen Schaden angerichtet hat, löst bei vielen Menschen Schuldgefühle aus. Und die Auflösung dieser Schuldgefühle kann dann wieder an die Erfüllung ihres Bedürfnisses geknüpft sein.


Ja sogar Direktheit, Offenheit und Transparenz ist eine Strategie. Wenn du direkt, rational und ohne große Emotionen sagst, was du willst, verringert das bei vielen Menschen die Abwehrhaltung und gibt ihnen das Gefühl, die würden dich verstehen und sie könnten dir vertrauen. Wenn Menschen vorgeben, sie würden keine Spielchen spielen, drücken sie damit eine Präferenz für diese Art des Umgangs miteinander aus und laden den anderen damit ein, ebenfalls offen und direkt zu sagen, was er will.


Manche dieser Strategien werden dir geläufiger sein und andere weniger. Manche hältst du vielleicht für moralischer und andere passen vielleicht gar nicht zu deinem Wertesystem. Aber ich wette, du hast jede diese Strategien schon einmal erlebt und wie sie dazu geführt haben, dass jemand seine Bedürfnisse erfüllt bekommen hat. Und sei es bei anderen Menschen. Manche Strategien passen in manchen Situationen besser und in anderen passen andere. Aber wenn du mit einer Strategie nicht weiterkommst, dann probiere halt eine andere.


Auch innerhalb einer Strategie kannst du etwas anders machen: Wenn ich dich zum Beispiel mit einer Sache, die du willst, verführen wollte meinen Podcast zu unterstützen, könnte es sein, dass du mit einem Platz in meinem Seminar gar nichts anfangen kannst – beispielsweise, weil du noch gar nicht in einer glücklichen Beziehung bist. Wie wäre es dann, wenn ich dafür eine Goldmünze in Aussicht stellen würde? Oder einen Job als Mitarbeiter in meinem Beziehungs-Mindset-Team? Erlösung von deinen Sünden? Ewige Gesundheit? Ein kostenloses Coaching mit mir? Oder doch lieber eine romantische Beziehung?


Interessiere dich für Andere


All diese Überzeugungstrategien haben nämlich einen entscheidenden Haken. Denn bei genauerer Betrachtung ist der Erfolg all dieser Strategien ziemlich abhängig davon, dass man den anderen kennt und ein bisschen einschätzen kann.


Wenn ich versuche, dich mit etwas einzuschüchtern, dass dir gar keine Angst macht, oder bei dem du mir nicht zutraust, dass ich es durchziehe, mache ich mich lächerlich.Wenn ich mit Freundlichkeit eine positive Sache an dir hervorhebe, die du an dir selbst eigentlich gar nicht so magst – dann kann es sein, dass du dich dadurch sogar dafür beleidigt fühlst. Wenn ich versuche mich dir zu öffnen und transparent zu erklären versuche zu zeigen, was ich will, was meine Motive sind und warum ich tue was ich tue - und du hast selbst ein großes Bedürfnis danach, gehört und verstanden zu werden – dann kann es sein, dass bei dir der Eindruck entsteht, ich würde dir den Raum nehmen und mich gar nicht für dich interessieren.


Und wenn du kein großes Interesse an der Rolle des Helfers und Retters hast, könnte mein Versuch, Mitleid in dir zu wecken eher noch den Widerstand in dir stärken.All diese Strategien funktionieren nur, wenn sie eines DEINER Bedürfnisse erfüllen. Und damit ich eine Chance habe, deine Bedürfnisse zu erfüllen, muss ich sie erst einmal verstehen. Und wenn ich dir ein Angebot mache, das auf taube Ohren stößt, dann ist das für mich ein Feedback. Und meine Standard-Interpretation, was dieses Feedback bedeutet, ist dass ich die Bedürfnisse meines Gegenübers noch nicht richtig verstanden habe.


Aber das ist doch gerade mein Problem. Oder nicht?


Wenn du gute Beziehungen führen willst, kommst also nicht drum herum, dich für die Bedürfnisse von anderen zu interessieren. Mehr noch als du es vielleicht ohnehin schon tust. Zumindest ist das eine These, die ich mit diesem Podcast einmal in den Raum stellen will. Und wenn du jetzt sagst: „Aber genau das ist doch mein Problem – ich kümmere mich viel zu sehr um die Bedürfnisse von Anderen… Und meine Bedürfnisse gehen dabei ständig unter…“ Dann drückst du in meiner Welt damit wieder ein eigenes Bedürfnis aus. Nämlich das Bedürfnis, dass du dir wünscht, dass sich jemand auch mal um deine Bedürfnisse kümmert.


Und dann ist der Umstand, dass das im Augenblick noch zu wenige Menschen tun in meiner Welt ein ein Feedback. Ein Feedback, das bedeuten könnte, dass du ihnen nicht das gibst, was IHR Bedürfnis ist. Sondern nur das, von dem du DENKST, es sei ihr Bedürfnis.

Selbst wenn jemand sagt, er hätte gern Aufmerksamkeit von dir. Und du gibst ihm Aufmerksamkeit. Und er gibt dir trotzdem nicht was du willst.


Dann kann das schon heißen, dass er ein selbstsüchtiger, egoistischer Narzisst ist, der nur an sich denkt. Ja. Das kann aber auch heißen, dass er dachte er wollte Aufmerksamkeit, aber eigentlich wollte er Liebe. Oder er wollte früher einmal Aufmerksamkeit aber jetzt will er Liebe. Oder er hat sich nicht getraut zu sagen, dass er eigentlich Liebe will und hat deswegen nur nach Aufmerksamkeit gefragt. Oder er wollte Aufmerksamkeit aber nicht die Art von Aufmerksamkeit, die du ihm gegeben hast.


Wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden, wird es normalerweise emotional. Und Emotionen sind für mich die sehr viel zuverlässigeren Anzeigeinstrumente dafür, dass ein Bedürfnis erfüllt oder nicht erfüllt ist als das, was jemand sagt. Ich habe da so eine Faustformel für mich entwickelt, die ziemlich gut für mich funktioniert: Wenn die emotionale Reaktion deines Gegenübers auf einer Skala von 1 bis 10 über 7 liegt, dann geht es inhaltlich normalerweise um etwas anderes als um das, worüber geredet wird. Dann finde ich die ernst gemeinte Frage hilfreich: „Sag mal, worum geht es eigentlich wirklich?“ Und ja, diese Frage funktioniert natürlich auch, wenn du feststellst, dass du selbst emotional wirst.


Es ist eine Behauptung, die ich zwar faktisch nicht beweisen kann, dass sie stimmt – Aber seit ich sie versuche mehr und mehr zu leben, hat die Qualität meiner Beziehungen sehr davon profitiert: „Wenn ich in Beziehungen nicht bekomme, was ich will und brauche, dann gebe ich dem anderen nicht was er will und braucht.“ Und die wichtigste Voraussetzung, dem anderen zu geben was er braucht, ist dass ich verstehe, was er braucht. Und dazu muss ich mich für den anderen zunächst einmal wirklich interessieren.

 

Wie macht man das nun aber, dass man sich für Andere mehr interessiert? Insbesondere dann, wenn man so dringliche eigene Bedürfnisse hat, die noch unerfüllt sind? Insbesondere dann, wenn es um unsere tiefsten Urbedürfnisse, um unsere stärksten Urängste geht wie der Angst vor dem Tod? Oder dass nach unserem Tod nichts von uns übrigbleibt? der Angst vor Bedeutungslosigkeit, der Angst vor dem Alleinsein oder die Angst davor, die Verantwortung für das eigene Leben zu tragen?


Naja, wenn es um so heftige und tief verwurzelte Bedürfnisse geht, habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die schlechte Nachricht ist, dass wahrscheinlich KEIN Mensch dir WIRKLICH diese Ängste nachhaltig nehmen und diese Bedürfnisse dauerhaft erfüllen kann. Keine romantische Beziehung kann dir garantieren, dass du nie wieder alleine sein musst. Kein Guru der Welt kann deinem Leben wirklich einen Sinn verleihen oder die Verantwortung über dein Leben übernehmen. Und auch ein Kind garantiert nicht, dass nach deinem Tod noch etwas von dir übrigbleibt. Das bekommen die meisten Eltern spätestens in der Pubertät sehr schmerzhaft zu spüren.


Die gute Nachricht ist aber, dass du für die meisten dieser wirklich heftigen Bedürfnisse andere Menschen auch gar nicht brauchst. Viele dieser zutiefst menschlichen Bedürfnisse können nämlich realistischer weise zwar nicht von Menschen, sehr wohl aber in der Phantasie einer Beziehung zu etwas Höherem befriedet werden. Sei es die Beziehung zur Natur, der Beziehung zu Gott, zum Universum oder dem höheren Selbst. Ich glaube es zieht Menschen zu Religion und Spiritualität, weil sie in dieser Welt Dinge erfahren können, die ihnen realistisch betrachtet ein Mensch niemals geben könnte: ewige und bedingungslose Liebe, grenzenloses und vollständiges Verständnis für jeden deiner Gefühle und Gedanken, absolute Verschmelzung und Einheit, ein Gefühl von Sinn, Erfüllung und dem ewigen Leben nach dem Tod und der Ermächtigung, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aber die Folge wird jetzt eh schon zu lang. Das schauen wir uns in einer anderen Podcast-Folge einmal genauer an.


Gib anderen was du willst


Ganz kurz nur noch: Was machst du jetzt aber, wenn du mit Religion und Spiritualität nicht besonders viel anfangen kannst? Nun, die wahrscheinlich beste nicht-spirituelle Antwort darauf habe ich bei Neil Donald Walsch in „Gespräche mit Gott“ gefunden. Ebenfalls einem sehr empfehlenswerten Buch, in dem es viel weniger um Religion geht als man vom Titel her vermuten würde. Dort schreibt er: Wenn du von anderen etwas willst. Dann gib das was du willst zunächst Anderen. Soll heißen:


Wenn du erfolgreich sein willst, hilf zunächst anderen dabei, erfolgreich zu werden. Wenn du Liebe willst, liebe zunächst andere so wie du gern geliebt werden willst. Wenn du sexuelle Befriedigung willst, dann sorge zunächst dafür, dass der andere sexuell befriedigt wird. Und wenn du Sicherheit willst, vermittle zunächst anderen genau diese Sicherheit. Oder wie Vera F. Birkenbiehl einmal gesagt hat: „Wenn du ein wirklich großes Problem hast, mach einfach einen Beruf daraus.“


Diese Herangehensweise birgt immer noch das Risiko, dass du jemandem, der nach Thymian gefragt hat, versuchst Kaffee anzudrehen, aber es ist noch immer besser als bei jemandem um Kaffee zu betteln, der gar keinen hat.


Und dabei geht es hierbei gar nicht darum, dass du den anderen durch ein Gefühl der gegenseitigen Verpflichtung den Impuls auslösen sollst, dir das zu geben was du haben willst. Der Effekt ist ein anderer: Wenn du nämlich anderen das gibst, was du willst, wirst du die Erfahrung machen, dass das was du willst, längst hast. Weil wenn du es nicht hättest - wie könntest du es Anderen dann geben?


All das sind natürlich nur Anregungen und Beispiele, was du in Beziehungen alles anders machen kannst, wenn du im ersten Anlauf nicht weiterkommst. Und niemand fordert von dir, dass du Ideen, was du anders machen kannst, ausschließlich selbst produzieren sollst. Wenn dir selbst nichts einfällt, lass dich von anderen Menschen inspirieren. Genau das ist ja auch der Gedanke hinter dem Paar-Seminar, das ich Ende April gebe.


Paare lassen sich von anderen Paaren inspirieren, wie sie mit ganz alltäglichen Herausforderungen in ihrer Beziehung meistern. Und durch diese gegenseitige Inspiration bekommen sie Ideen, wie Situationen, die im Augenblick vielleicht noch nicht so glücklich verlaufen, anders lösen können. Woher auch immer du deine Inspiration für etwas anderes nimmst – wenn das, was du versuchst nicht funktioniert… Mach was anderes.


Bis zur nächsten Folge

Tschüss.

 
 
 

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