Positive Absichten im NLP: Verhalten neugierig verstehen
„Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht“ ist eine zentrale Grundannahme im NLP. Ich nutze sie als Arbeitshypothese: Sie lädt dazu ein, hinter einer unbeholfenen Handlung nach dem Bedürfnis, Ziel oder Wert zu suchen, das ein Mensch damit erreichen wollte. So wird aus einer schnellen Bewertung eine neugierige Frage.
Was die positive Absicht im NLP bedeutet
John Grinder und Richard Bandler entwickelten NLP in den 1970er Jahren, indem sie unter anderem die Arbeit von Fritz Perls, Virginia Satir und Milton H. Erickson modellierten. NLP ist für mich zu einer Art Hausapotheke für den Geist geworden: ein Vorrat an Perspektiven und Übungen, aus dem ich in Beziehungen und im Coaching schöpfe.
Die positive Absicht beschreibt im NLP die angestrebte Funktion eines Verhaltens. Jemand möchte vielleicht Ruhe, Anerkennung, Orientierung oder Verbundenheit erreichen und wählt dafür eine Strategie, die das gewünschte Ergebnis nur unvollkommen hervorbringt. Das verknotete Rettungsseil im Artikelbild bringt diesen Gedanken auf den Punkt: Der Wunsch nach Verbindung ist vorhanden; die Umsetzung braucht eine bessere Form.
Beobachtung, Deutung und offene Frage trennen
Ein Verhalten liefert sichtbare Informationen. Die Absicht dahinter bleibt zunächst eine Vermutung. Deshalb hilft eine klare Dreiteilung:
| Schritt | Beispiel |
|---|---|
| Beobachtung | „Du hast während meines Satzes zweimal auf dein Handy geschaut.“ |
| Meine Deutung | „Ich erzähle mir gerade, dass dich mein Thema wenig interessiert.“ |
| Offene Frage | „Was beschäftigt dich gerade?“ |
Die offene Frage gibt dem anderen die Möglichkeit, die eigene Innenwelt zu erklären. Vielleicht wartet er auf eine wichtige Nachricht, möchte sich eine Information für später notieren oder hat gar nicht bemerkt, wie seine Aufmerksamkeit wirkt. Erst das Gespräch liefert neue Daten für deine innere Landkarte.
Die Übung: zwei plausible Absichten finden
Nimm eine alltägliche Situation, in der dich das Verhalten eines Menschen irritiert hat. Schreibe zuerst nur auf, was eine Kamera hätte aufnehmen können. Notiere anschließend zwei unterschiedliche, jeweils plausible Absichten, die zu demselben Verhalten passen könnten. Formuliere zum Schluss eine Frage, mit der du die wirkliche Absicht erkunden kannst.
- Was habe ich konkret gesehen oder gehört?
- Welche Bedeutung habe ich dem Verhalten spontan gegeben?
- Welche zwei weiteren Bedürfnisse, Ziele oder Werte könnten eine Rolle spielen?
- Welche offene Frage bringt mich vom Gedankenlesen ins Gespräch?
Das Ziel ist gedankliche Beweglichkeit. Mehrere plausible Erklärungen erinnern dich daran, dass deine erste Deutung eine Hypothese ist.
Die eigene positive Absicht in eine bessere Strategie übersetzen
Besonders kraftvoll finde ich die Grundannahme, wenn ich sie auf mein eigenes Verhalten anwende. Wenn ich in einem Gespräch schärfer reagiere, als ich wollte, kann ich fragen: Was wollte ich damit erreichen? Vielleicht wollte ich gehört werden oder eine Entscheidung beschleunigen. Danach folgt die entscheidende Frage: Welche Handlung erfüllt diese Absicht beim nächsten Mal klarer und respektvoller?
So verbindet die Arbeit mit positiven Absichten Selbstverständnis und Verantwortung. Du würdigst, was dir wichtig war, prüfst die tatsächliche Wirkung und entwickelst eine passendere Strategie.
Neugier als Beziehungskompetenz
Positive Absichten sind für mich eine Einladung zur Meta-Kommunikation. Du sprichst über deine Wahrnehmung, deine Deutung und deine Frage, statt die Motive des anderen festzuschreiben. Der Artikel „Die Landkarte ist nicht das Gebiet“ vertieft, warum unser Bild eines Menschen immer unvollständig bleibt. Konkrete Formulierungen findest du außerdem unter Kommunikation in Beziehungen.
Wenn du diese Haltung eine Woche lang trainieren möchtest, wähle jeden Abend eine Irritation des Tages und bearbeite die vier Fragen. Schon das bewusste Unterscheiden von Beobachtung und Deutung erweitert deinen Handlungsspielraum.
Die Grundannahme und weitere Beispiele vertiefe ich in Podcastfolge 1 über positive Absichten im NLP.