Kommunikation in Beziehungen: Verstehen und verstanden werden

Dr. Daniel Köpke
Kommunikation in Beziehungen verbessern

Gute Kommunikation in Beziehungen beginnt mit einer einfachen, anspruchsvollen Aufgabe: Verstehe zuerst, was dein Gegenüber wirklich meint – und prüfe, ob dein Verständnis stimmt. Viele Konflikte eskalieren, weil wir sicher sind, den anderen verstanden zu haben, obwohl wir lediglich auf unsere eigene Interpretation seiner Worte reagieren.

Im Streit antworten wir dann auf das, was wir gehört haben. Das kann etwas deutlich anderes sein als das, was der andere tatsächlich gesagt und gemeint hat.

Gesagt ist noch nicht verstanden

Jede Aussage trifft auf eine bereits vorhandene Innenwelt: Erfahrungen, Befürchtungen, Erwartungen, Werte und unerfüllte Bedürfnisse. Diese Innenwelt ergänzt Bedeutung. Aus einem Wunsch nach Zeit allein kann im Ohr des Partners eine Zurückweisung werden. Aus der Mitteilung einer Enttäuschung kann ein Urteil über den ganzen Menschen entstehen.

Was gesagt wurdeWas der andere möglicherweise gehört hat
„Es ist mir wichtig, dass ich Zeit für mich allein habe.“„Ich bin dir nicht wichtig und es ist dir egal, wenn ich unter meiner Einsamkeit leide.“
„Ich war enttäuscht, als du dein Versprechen nicht eingehalten hast.“„Du bist ein unzuverlässiger Mensch.“
„Heute möchte ich nicht mehr über die Arbeit sprechen.“„Deine Probleme interessieren mich nicht.“
„Können wir vorher absprechen, wie lange wir auf der Feier bleiben?“„Ich will kontrollieren, wann du nach Hause gehst.“
„Beim Sex wünsche ich mir manchmal mehr Langsamkeit.“„Ich bin schlecht im Bett.“

Die rechte Spalte ist jeweils eine mögliche Interpretation, die in der Aussage selbst nicht enthalten war. Solange niemand nachfragt, kann sie sich trotzdem wie eine Tatsache anfühlen. Beide Partner sprechen dann über unterschiedliche Botschaften und wundern sich, warum ihre Antworten am eigentlichen Thema vorbeigehen.

Zuhören heißt, etwas erfahren zu wollen

Eine besonders anspruchsvolle Form des Zuhörens besteht darin, die Position des Gegenübers in eigenen Worten so wiederzugeben, dass es sich darin wiedererkennt. Jordan Peterson zeigt diesen Gedanken anschaulich im Video How To Really Listen To People. Der entscheidende Maßstab für gutes Zuhören ist damit die Rückmeldung der Person, die du verstehen willst.

Eine Übung für gegenseitiges Verstehen

Diese Übung verlangsamt das Gespräch so weit, dass ihr Interpretation und tatsächliche Mitteilung wieder auseinanderhalten könnt. Sie eignet sich besonders für konfliktgeladene Themen und lässt sich sehr gut mit einem Zwiegespräch verbinden.

  1. Eine Person beschreibt ihre Innenwelt. Sie erklärt, wie sie sich in der Situation fühlt, was ihr wichtig ist, welche Bedürfnisse berührt wurden und welche Wirkung das Verhalten des Partners auf sie hatte. Die Beispiele im Artikel über Verletzlichkeit in Beziehungen können dabei helfen. Ein Timer von zwei bis drei Minuten strukturiert den Beitrag und hält die Informationsmenge gut aufnehmbar.
  2. Die andere Person paraphrasiert. Sie gibt in eigenen Worten wieder, was sie verstanden hat. Ihre Aufgabe besteht zunächst darin, die Perspektive der sprechenden Person so präzise wie möglich abzubilden.
  3. Die zuerst sprechende Person gibt Feedback auf die Paraphrase. Sie beantwortet drei Fragen:
    • Hat der andere etwas hinzugefügt, das mich stört?
    • Hat der andere etwas weggelassen, das mir wichtig gewesen wäre?
    • Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie gut fühle ich mich verstanden?
    Die Rückmeldung lautet zunächst nur, dass etwas hinzugefügt oder weggelassen wurde. Was genau fehlt oder stört, soll der paraphrasierende Partner selbst erfragen. Dadurch bleibt er aktiv am Verstehen beteiligt.
  4. Ihr wiederholt die Schleife. Erst wenn der paraphrasierende Partner die Position der zuerst sprechenden Person zu deren Zufriedenheit wiedergeben kann, werden die Rollen getauscht.

Warum diese Schleife so viel verändert

Wer paraphrasiert, muss für einen Moment die eigene Antwort zurückstellen und den Bezugsrahmen des anderen betreten. Wer Feedback gibt, übernimmt Verantwortung dafür, verständlich zu werden. Beide arbeiten damit an derselben Aufgabe: Aus zwei inneren Landkarten ein genaueres Bild der Situation zu entwickeln.

Verstehen bedeutet weiterhin nicht, einverstanden zu sein. Nach dem Rollenwechsel dürfen zwei unterschiedliche Bewertungen, Wünsche oder Lösungsvorschläge nebeneinanderstehen. Der Unterschied ist: Ihr reagiert nun auf Positionen, die der jeweils andere als seine eigenen wiedererkennt.

Kommunikation als gemeinsame Wahrheitssuche

Ein gutes Gespräch macht beide Beteiligten klüger über die Beziehung. Ihr entdeckt, welche Bedeutung eine Situation für den anderen besitzt, welche Information bisher gefehlt hat und wo ihr tatsächlich verschiedener Meinung seid. So wird aus einem Wortgefecht eine gemeinsame Wahrheitssuche.

In Podcastfolge 21: Ein Jahr Beziehungs-Mindset spreche ich darüber, dass Kommunikation nicht alles ist, was eine Beziehung ausmacht. Oft ist es die Haltung hinter der Kommunikation, die über die Qualität der Beziehung entscheidet. Und dennoch ist diese Übung ein sinnvolles Werkzeug, um emotionale Konflikte zu deeskalieren und Menschen wieder für eine kooperative Haltung zu gewinnen, die sich eben noch spinnefeind waren. Wenn ihr bei einem Thema immer wieder aneinander vorbeiredet, helfe ich euch im Zwiecoaching gern dabei, eure beiden Innenwelten zunächst verständlich und anschließend miteinander verhandelbar zu machen.

Quellen und Vertiefung

Zurück zum Blog Erstgespräch anfragen