Energie folgt der Aufmerksamkeit

Dr. Daniel Köpke
Person mit Laterne, deren Licht einen Weg und junge Pflanzen sichtbar macht

Wie du in einer Beziehung sprichst, zuhörst und mit Irritationen umgehst, hängt wesentlich davon ab, welche inneren Ressourcen dir in diesem Moment zugänglich sind. Wenn du Humor, Wertschätzung, Ruhe, Klarheit und Verbundenheit leichter wahrnimmst, stehen dir auch in anspruchsvollen Gesprächen mehr freundliche und flexible Reaktionen zur Verfügung. Deinen Aufmerksamkeitsfokus zu trainieren ist deshalb eine konkrete Beziehungskompetenz.

„Energie folgt der Aufmerksamkeit“ beschreibt im NLP eine praktische Entscheidung: Worauf du deinen Fokus wiederholt richtest, wird für dich leichter wahrnehmbar und beeinflusst, worauf du als Nächstes reagierst. Unser Geist unterliegt also einer gewissen „Trägheit“. Wenn du häufig Sorgen und Ängste hast, ist es wahrscheinlich, dass dein nächster Gedanke auch von Sorgen und Ängsten geprägt ist. Übst du einen positiven Fokus, kommen auch positive Gedanken leichter ganz automatisch. In diesem Artikel zeige ich dir eine Übung, die meinen eigenen Blick auf das Leben so tiefgreifend verändert hat wie kaum etwas anderes.

Aufmerksamkeit gibt dem Erleben eine Richtung

Wenn du an deinen Partner denkst oder an einen Menschen, zu dem dir die Beziehung wichtig ist, kannst du dich auf Eigenschaften fokussieren, für die du diesen Menschen schätzt, liebst und gernhast. Du kannst deinen Fokus ebenso auf Dinge lenken, die dich nerven und auf die Palme bringen. Beide Arten von Eigenschaften sind vorhanden. Die Qualität der Zeit, die ihr miteinander verbringt, und der Gespräche, die ihr führt, hängt jedoch maßgeblich davon ab, auf welche Eigenschaften du deinen Fokus lenkst. Der Ausschnitt deiner Aufmerksamkeit bestimmt damit einen Ausschnitt deiner Erfahrung.

Kann man Aufmerksamkeit trainieren?

Kurz gesagt: Ja. Dass Wertschätzung und Dankbarkeit einer Beziehung guttun, ist eine Binsenweisheit. Doch wie gelingt es dir, wertschätzender und dankbarer zu werden, wenn du dich im Alltag häufiger bei ärgerlichen oder traurigen Gedanken ertappst? Dieser Artikel gibt dir dafür eine konkrete Übung.

Um einen möglichst positiven Ausschnitt deiner Aufmerksamkeit zu stabilisieren, brauchst du Ressourcen. Viele Ressourcen.

Eine Ressource ist alles, was in einer Situation einen hilfreichen Unterschied macht: Humor kann einen schwierigen Moment leichter machen, Wertschätzung kann eine Beziehung verbessern und Reflexion kann zu einer guten Entscheidung beitragen. Auch ein klarer Gedanke, eine vertraute Stimme, Sonnenlicht, Bewegung oder ein Mensch, der zuhört, kann eine Ressource sein. Je differenzierter du solche Ressourcen wahrnimmst, desto leichter findest du in passenden Momenten Zugang zu ihnen.

Chunking verstehen: aus einem Begriff werden viele

Chunking ist eine Assoziationstechnik, mit der du einen Begriff verallgemeinerst, spezifizierst oder mit ähnlichen Begriffen verbindest und dadurch die Wirksamkeit von Ressourcen dramatisch erweitern kannst. Das Prinzip lässt sich am Wort „Apfel“ besonders einfach zeigen:

Quadratische Chunking-Grafik mit Apfel in der Mitte, Chunk up darüber, Chunk down darunter und Chunk sidewise rechts daneben
Chunking am Beispiel „Apfel“

Wie aus Humor viele Ressourcen werden

Im Podcast erkläre ich Chunking mit der Ressource „Humor“. Beim Chunk Down suche ich konkrete Erlebnisse und Details: einen bestimmten Witz, eine Erinnerung an gemeinsames Lachen, den fröhlicheren Klang meiner inneren Stimme oder das Lächeln in meinem Gesicht. Beim Chunk Up frage ich, wofür Humor ein Beispiel ist: für einen Wert, eine Emotion, ein Kommunikationsmittel oder einen Teil meiner Identität. Beim Chunk Sidewise suche ich Ähnliches wie Witz, Satire, Parodie, Wortspiel oder Comedy.

Aus einer einzigen Ressource entstehen auf diese Weise schnell viele weitere. Jeden neu gefundenen Begriff kannst du wieder hoch-, herunter- oder zur Seite chunken. So kannst du aus einem einzigen Ding, das dein Leben verschönert, bereichert oder besser macht, im Grunde beliebig viele Ressourcen entwickeln.

Die 1000-Ressourcen-Übung

Die stärkste Veränderung, die ich mit bewusster Aufmerksamkeitslenkung erlebt habe, entstand durch die NLP-Übung „1000 Ressourcen“. Ich kaufte mir ein leeres kariertes A4-Buch, teilte jede Seite in drei Spalten und schuf damit Platz für ungefähr 100 Einträge. Zehn Tage lang schrieb ich jeden Morgen eine komplette Seite mit Dingen voll, die mein Leben bereichern, für die ich dankbar bin oder die einen positiven Unterschied machen.

Ich begann jeweils mit einer Ressource wie „Liebe“ und suchte mit Chunking nach Beispielen, Details, Kategorien und ähnlichen Ressourcen. Sobald eine Assoziationskette langsamer wurde, nahm ich einen der neu gefundenen Begriffe als nächsten Ausgangspunkt. Die einzige Grundregel lautete: Was ich aufschreibe, muss mein Leben in irgendeiner Weise bereichern.

Wie das Training meinen Blick auf das Leben verändert hat

Nach zehn Tagen hatte ich die ersten 1000 Ressourcen vollständig. Die Wirkung war für mich lebensverändernd: Ich erlebte deutlich mehr Energie, Dankbarkeit und Ausgeglichenheit. Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen, eine pünktliche S-Bahn oder ein freundliches Lächeln wurden zu Ressourcen, die ich im Alltag tatsächlich wahrnahm – und bei denen ich mich dann schon darauf freute, sie am nächsten Morgen aufzuschreiben.

Mein Aufmerksamkeitsfokus hatte eine neue Suchrichtung gelernt. Dankbarkeit, Freude und Wertschätzung wurden für mich zur Standardeinstellung meines Geistes. Und nach 2 Monaten und unglaublichen fast 10.000 Ressourcen wurde mir dieser positive Aufmerksamkeitsfokus so sehr zur eigenen Natur, dass mir anders zu denken fast nicht mehr möglich ist.

Erst an dieser Stelle wird auch der Zeitaufwand interessant: Anfangs brauchte ich teilweise fast eine Stunde für meine morgendlichen 100 Ressourcen. Ich führte das Training über die ersten zehn Tage hinaus weiter. Nach etwa drei Monaten konnte ich eine Seite in zehn bis fünfzehn Minuten füllen. Die Ressourcen waren die ganze Zeit vorhanden; durch das Training fand ich sie immer schneller und leichter.

Ein Einstieg mit zehn Ressourcen

Du kannst heute mit zehn Einträgen beginnen. Wähle danach einen Begriff und finde mit jeder Chunking-Richtung zwei weitere Ressourcen. So wächst deine Liste auf sechzehn Einträge. Morgen nimmst du eine andere Ausgangsressource. Wenn dir die Übung guttut, kannst du die Zahl schrittweise erhöhen und dein eigenes 1000-Ressourcen-Buch führen.

Schreibe sinnlich und konkret: „der warme Becher in meinen Händen“, „der Geruch von Regen“ oder „das Lachen meines Partners beim Frühstück“. Konkrete Details machen aus einer abstrakten Idee eine erinnerbare Erfahrung.

Ressourcen in Beziehungen nutzen

Ein ressourcenvoller innerer Zustand erweitert deine Möglichkeiten in Beziehungen. Du kannst empathischer zuhören, Humor und Wertschätzung einbringen, deine eigenen Bedürfnisse klarer ausdrücken und leichter nach einer Lösung suchen, die beiden gerecht wird. Vor einem wichtigen Gespräch kannst du deshalb drei Ressourcen aktivieren:

  1. Welche Eigenschaft an mir hilft mir heute, klar zu sprechen?
  2. Welche Qualität meines Gegenübers möchte ich im Blick behalten?
  3. Welches gemeinsame Erlebnis erinnert mich an unsere Verbindung?

Diese Fragen stärken deine Handlungsfähigkeit und bereiten den inneren Zustand vor, aus dem du das Gespräch führen möchtest. Dazu passt die NLP-Grundannahme der positiven Absicht: Mit mehr Zugriff auf die eigenen Ressourcen fällt es leichter, neugierig nach Bedürfnissen und Absichten zu fragen.

Aufmerksamkeit regelmäßig trainieren

Für eine kurze tägliche Variante empfehle ich meine Freuden-Impulse am Morgen. Die 1000-Ressourcen-Übung geht weiter: Sie bildet ein persönliches Archiv dessen, was dir Energie, Orientierung, Freude und Verbindung gibt. Gerade vor anspruchsvollen Tagen kannst du darin lesen oder neue Einträge ergänzen. Wenn diese Art des Morgenrituals neu für dich ist, beginne mit den Freuden-Impulsen. Sobald du merkst, dass die Übung einen positiven Effekt in dein Leben bringt, kannst du sie durch Chunking und die 1000-Ressourcen-Übung erweitern.

Weitere Gedanken, persönliche Erfahrungen, die vollständige Herleitung der Übung und noch mehr Motivation, sie tatsächlich auszuprobieren, findest du in Podcastfolge 3: Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Quellen und weiterführende Literatur

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