Wenn jemand klammert, sehen wir schnell einen kontrollierenden Partner. Wenn jemand sich zurückzieht, sehen wir einen kalten Menschen, dem die Beziehung egal ist. Wenn jemand kritisiert, nörgelt oder uns mit Sarkasmus überzieht, sehen wir einen undankbaren Rüpel.
Und manchmal stimmt das vielleicht sogar. Manchmal ist ein Verhalten so verletzend, so grenzüberschreitend oder so dauerhaft, dass keine Lust hast, weiter nach einer schönen Erklärung dafür zu suchen. Und das musst du auch nicht. Wenn dir an der Beziehung jedoch etwas liegt, solltest du das vielleicht.
In sehr vielen Beziehungen passiert nämlich etwas anderes. Da verhält sich ein Mensch auf eine Art, die den anderen verletzt. Und hinter diesem Verhalten steckt trotzdem ein Anliegen, das man verstehen kann. Ein Anliegen, das der Mensch selbst vielleicht noch nicht einmal richtig in Worte fassen kann.
Hinter jedem noch so toxischen Verhalten steckt ein unerfülltes Bedürfnis.
Das heißt nicht, dass jedes Verhalten in Ordnung ist. Es heißt auch nicht, dass du deinen Partner analysieren, retten oder therapieren musst. Es bedeutet lediglich: Wenn du jemanden wieder erreichen willst, lohnt es sich oft, hinter dem Verhalten nach dem zu suchen, was der andere damit zu erreichen versucht.
Was Menschen eigentlich meinen, wenn sie sich danebenbenehmen
In einem Streit sehen wir meistens zuerst das Verhalten des anderen. Wir sehen die Eifersucht, nicht die Angst. Wir sehen das Schweigen, nicht die Überforderung. Wir sehen die Kritik, nicht die Enttäuschung. Wir sehen die Kontrolle, nicht die Unsicherheit, die darunter liegen kann.
Das hat einen einfachen Grund: Das Verhalten des anderen trifft uns. Es macht uns wütend, traurig oder hilflos. Und wenn wir selbst getroffen sind, wird es schwer, auch noch neugierig zu bleiben.
Trotzdem ist Neugier häufig die Abkürzung aus einem festgefahrenen Konflikt. Nicht die Neugier, mit der du den anderen in seine Einzelteile zerlegst. Sondern die Neugier, mit der du dich fragst:
In welcher Welt muss ein Mensch gerade leben, damit dieses Verhalten für ihn Sinn ergibt?
Die große Übersicht: Bedürfnisse hinter toxischem Verhalten
Die Tabelle ist keine vollständige Liste von Diagnosen. Sie ist eine Anregung, welche möglichen Bedeutungen, die hinter Verhaltensweisen, mit denen Paare sich bisweilen das Leben schwer machen. Sie soll dich dazu anregen, weiter zu denken und dich zu fragen: aus welchem guten Grund der Andere dieses Verhalten zeigen könnte.
| Verhalten | Was dahinter stecken könnte |
|---|---|
| Der andere besteht darauf, Recht haben zu wollen | Vielleicht will er gesehen und ernst genommen werden. Vielleicht geht es ihm um seine Sicherheit der eigenen Wahrnehmung; Vielleicht versucht er sich vor Scham zu schützen. |
| Der andere fordert immer wieder Gerechtigkeit ein | Vielleicht möchte er, dass eine Verletzung oder Leistung endlich anerkannt wird. Vielleicht geht es ihm um Gleichwertigkeit oder um die Sorge, ausgenutzt zu werden. |
| Der andere will Zeit, Kontakte oder dein Handy kontrollieren | Vielleicht sucht er nach Verlässlichkeit und Sicherheit. Vielleicht hat er Angst vor Verlust und versucht, die Ungewissheit durch Kontrolle zu beruhigen. |
| Der andere reagiert eifersüchtig | Vielleicht geht es ihm um Exklusivität und Bindungssicherheit. Vielleicht möchte er wieder spüren, dass er begehrenswert ist und dir wichtig bleibt. |
| Der andere zieht sich zurück oder schweigt | Vielleicht schützt er sich gerade vor Überforderung. Vielleicht braucht er Zeit, um sich selbst zu regulieren, weil er eine Eskalation oder Ablehnung fürchtet. |
| Der andere kritisiert oder nörgelt ständig | Vielleicht wünscht er sich Verlässlichkeit, Entlastung oder mehr Kooperation. Vielleicht möchte er mit einer Belastung gesehen werden, die er schon lange allein trägt. |
| Der andere wertet dich ab oder wird sarkastisch | Vielleicht schützt er sich vor einer eigenen Verletzlichkeit. Vielleicht versucht er, Distanz zu schaffen oder seinen Selbstwert in einem Moment zu stützen, in dem er sich klein fühlt. |
| Der andere macht dich für alles verantwortlich | Vielleicht versucht er, sich von Scham zu entlasten. Vielleicht möchte er, dass sein eigenes Leid anerkannt wird, bevor er über seinen Anteil sprechen kann. |
| Der andere fragt ständig, ob du ihn noch liebst | Vielleicht sucht er nach Rückversicherung und emotionaler Sicherheit. Vielleicht hat er Angst, nicht genug zu sein oder dir nicht mehr zu genügen. |
| Der andere klammert oder lässt dir kaum Freiräume | Vielleicht geht es ihm um Nähe und die Sicherheit eurer Bindung. Vielleicht versucht er, sich vor dem Gefühl zu schützen, verlassen zu werden. |
| Der andere verhält sich warm-kalt oder unzuverlässig | Vielleicht möchte er seine Autonomie schützen. Vielleicht fühlt sich Nähe für ihn gleichzeitig schön und bedrohlich an, weil sie die Angst vor Abhängigkeit oder Vereinnahmung berührt. |
| Der andere vermeidet jeden Konflikt | Vielleicht möchte er Harmonie bewahren. Vielleicht fürchtet er Wut, Ablehnung oder das Gefühl, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. |
| Der andere wird explosiv wütend | Vielleicht möchte er endlich gehört und respektiert werden. Vielleicht schützt er sich vor Ohnmacht oder versucht, auf eine Grenze aufmerksam zu machen, die für ihn schon lange überschritten ist. |
| Der andere macht alles allein und gibt nichts ab | Vielleicht möchte er unabhängig bleiben und sich vor Enttäuschung schützen. Vielleicht fällt es ihm schwer, Hilfe anzunehmen oder anderen zur Last zu fallen. |
| Der andere rettet, hilft oder kümmert sich ungefragt | Vielleicht möchte er gebraucht werden. Vielleicht erlebt er Bedeutung, Bindung und Selbstwert besonders stark, wenn er für andere etwas tun kann. |
| Der andere überschreitet deine Grenzen | Vielleicht geht es ihm um Nähe, Bestätigung oder Einfluss. Vielleicht fällt es ihm schwer, ein Nein auszuhalten, weil es sich für ihn wie Zurückweisung anfühlt. |
| Der andere rechnet ständig auf | Vielleicht möchte er Anerkennung und Fairness. Vielleicht will er, dass seine Beiträge, seine Anstrengung und seine Belastung endlich sichtbar werden. |
| Der andere hat Geheimnisse oder lügt | Vielleicht versucht er, sich vor Konflikten, Scham oder Konsequenzen zu schützen. Vielleicht braucht er Autonomie und kennt gerade keinen besseren Weg, sie zu bewahren. |
| Der andere reagiert passiv-aggressiv | Vielleicht möchte er Ärger ausdrücken, ohne eine offene Konfrontation zu riskieren. Vielleicht schützt er sich damit vor Ablehnung, weil er nicht glaubt, mit seiner direkten Wut willkommen zu sein. |
Wenn du weitere Anregungen für diese Liste hast, schreib mir gern.
Validierung heißt nicht, dass du zustimmst
Wenn du sagst: „Ich verstehe, dass du dich übergangen gefühlt hast“, sagst du nicht: „Es war in Ordnung, mich anzuschreien.“
Wenn du sagst: „Ich sehe, dass du Angst hast, mich zu verlieren“, sagst du nicht: „Dann darfst du mein Handy durchsuchen.“
Wenn du sagst: „Ich merke, dass du gerade sehr verletzt bist“, sagst du nicht: „Dann ist jede Abwertung erlaubt.“
Du würdigst ein Gefühl oder ein Bedürfnis. Und du behältst gleichzeitig deine Grenze.
Das funktioniert besonders gut, wenn du keine Deutung als Tatsache verkaufst. „Du bist nur so kontrollierend, weil deine Mutter dich als Kind nicht genug geliebt hat“ ist keine Validierung. Das ist eine Interpretation, die den anderen klein macht.
Podcast und Quellen
In Folge 30 „Die Geheimwaffe gegen Narzissmus“ des Beziehungs-Mindset-Podcasts spreche ich ausführlich darüber, wie Validierung Menschen helfen kann, aus einem narzisstischen Zustand wieder herauszufinden.
Die Tabelle in diesem Artikel ist eine praktische Sammlung von Hypothesen aus dem Podcast. Sie ordnet einzelnen Verhaltensweisen keine festen Ursachen zu und ersetzt weder eine Diagnose noch die Verantwortung für das eigene Handeln.