Beziehungen & Konflikte

Ist mein Partner ein Narzisst?

Warum die Diagnose nicht die erste Frage sein sollte

Dr. Daniel Köpke
Illustration eines Mannes, der in einen Handspiegel blickt

Es gibt diese Gespräche, nach denen du mehr Fragen als vorher hast. Du sprichst eine Verletzung an, und plötzlich geht es nur noch darum, wie undankbar, empfindlich oder unfair du angeblich bist. Eine Verabredung, an die du dich klar erinnerst, soll nie stattgefunden haben. Dein Partner entschuldigt sich vielleicht, nur um dir gleich zu erklären, weshalb du ihn dazu gebracht hast.

Oder du erlebst das Gegenteil: Jemand wirkt nach außen klein, traurig und missverstanden, und doch ist im Gespräch kaum Platz für dein Erleben. Jede Rückmeldung wird als Angriff genommen. Jede Grenze wird zur Kränkung. Am Ende kümmerst du dich wieder um die Gefühle des anderen, während deine eigenen verschwinden.

Wenn dir solche Situationen bekannt vorkommen, kann die Frage naheliegen: Ist mein Partner ein Narzisst? Verständlich, denn Narzissmus hat viele Gesichter - und gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, bevor du aus einer belastenden Erfahrung und wenig hilfreichen Beziehungsmustern ein endgültiges Urteil machst.

1. Alltagsmuster, die auf narzisstische Tendenzen hindeuten können

Narzissmus ist nicht einfach übertriebene Selbstbezogenheit, ein aufgeblasenes Ego oder ein Zwang gesehen werden zu müssen. In Beziehungen wird er dort problematisch, wo der eigene Selbstwert so sehr im Vordergrund steht, dass die Bedürfnisse, Perspektiven und Gefühle des anderen komplett aus der Wahrnehmung getilgt werden.

Das kann laut und großspurig aussehen. Ein Partner muss immer recht haben, übernimmt sofort die Führung, verträgt Widerspruch kaum und macht andere kleiner, um selbst größer dazustehen. Es kann aber auch leise aussehen. Jemand zieht sich gekränkt zurück, fühlt sich beständig übersehen oder missverstanden und bindet dich darüber an die eigene Verletzlichkeit. Beide Formen können sehr unterschiedlich wirken. Gemein ist ihnen nicht ein bestimmter Tonfall, sondern dass deine Position wiederholt an den Rand gerät.

Ein einzelner Streit oder eine unfaire Bemerkung reicht dafür nicht aus. Interessant wird es, wenn sich ein Muster verfestigt:

Solche Beobachtungen sind Hinweise, dass in eurer Beziehung narzisstische Tendenzen vorliegen. Das ist jedoch lange noch keine Diagnose für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Sie geben dir aber eine Sprache für das, was zwischen euch geschieht. Und sie sind ein wichtiges Indiz dafür, dass es einiges in eurer Beziehung aufzuarbeiten gibt.

2. Der Unterschied zwischen Narzissmus und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Narzisstische Tendenzen gibt es nicht nur bei Menschen, die eine echte narzisstische Persönlichkeitsstörung haben. Jeder kennt Momente, in denen er gekränkt ist, nur noch seine eigene Sicht sieht und dem anderen unbedingt mitteilen will, wie falsch er liegt. Gerade im Streit kann unser Selbstwert wackeln. Dann steigt die Bereitschaft, uns zu verteidigen, und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel schwindet. Das Tückische daran ist nur: Wenn dieses Muster in einer Beziehung erst einmal greift, wirkt es oft selbstverstärkend. Denn zwischen der Verteidigung der eigenen Haltung und der Abwertung des anderen liegt oft nur ein schmaler Grat.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung - kurz NPD - ist etwas anderes. Sie ist ein klinischer Begriff für ein über viele Lebensbereiche hinweg bestehendes, unflexibles und deutlich beeinträchtigendes Muster. In der Fachliteratur wird außerdem zwischen grandiosen und vulnerablen Ausprägungen von Narzissmus unterschieden. Genauer erkläre ich das in meinem Podcast. Diese Unterscheidung ist deswegen hilfreich, weil nicht jeder Mensch mit problematischem Verhalten laut, dominant oder offen arrogant wirkt.

Die Unterscheidung schützt vor zwei Fehlern. Der erste lautet: "Mein Partner war im Streit egoistisch, also ist er Narzisst." Der zweite lautet: "Mein Partner wirkt verletzlich, also kann sein Verhalten nicht narzisstisch sein." Beides greift zu kurz. Entscheidend ist nicht, ob ein Verhalten spektakulär aussieht, sondern ob es dauerhaft verhindert, dass beide Menschen in der Beziehung gehört werden und Verantwortung übernehmen können.

3. Warum ich als Paarberater keine Diagnose stelle - und du das erst recht nicht solltest

Ich arbeite als Paarberater mit Beziehungsmustern, Gesprächen und den Möglichkeiten, die ein Paar im Hier und Jetzt hat. Eine klinische Diagnose gehört nicht in meine Rolle. Sie braucht eine psychotherapeutische Abklärung, Zeit und einen Blick auf das gesamte Leben eines Menschen. Wenn du dagegen verletzt bist, dich ungerecht behandelt fühlst oder nach einem Streit dein Selbstwert im Keller ist - besonders dann solltest du deinem eigenen Diagnose-Urteil misstrauen.

Das heißt jedoch nicht, dass du dir einfach alles gefallen lassen musst. Mit oder ohne Diagnose solltest du deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst nehmen. Mit oder ohne Diagnose darfst du sagen: "So wie wir gerade miteinander umgehen, tut mir das nicht gut." Du darfst eine Grenze setzen. Du darfst dir Unterstützung holen. Dafür brauchst du kein diagnostisches Urteil.

Andersherum schützt diese Haltung auch vor vorschnellen Zuschreibungen. Wer im Internet nach Narzissmus sucht, findet schnell Listen, die fast jeden schwierigen Menschen treffen könnten. Wenn du nach Beweisen für Narzissmus suchst, wirst du Beweise dafür finden.

Eine Diagnose kann dann wie eine Erklärung wirken, die endlich Ordnung schafft. In vielen Fällen errichtet sie aber eine unverrückbare Mauer zwischen euch, die einen erneuten liebevollen Kontakt schwer bis komplett unmöglich macht.

4. Weshalb dir die Diagnose selbst dann nicht die wichtigste Antwort gibt

Nehmen wir an, dein Partner hätte tatsächlich ausgeprägte narzisstische Züge oder sogar eine Diagnose. Was wäre dann deine nächste Aufgabe? Ihn überzeugen, verändern oder heilen zu müssen? Genau in diese Richtung geraten viele Menschen, weil sie die guten Seiten ihres Partners sehen und hoffen, dass genug Liebe, Geduld oder die richtigen Worte endlich etwas bewegen werden.

Veränderung beginnt nur dort, wo ein Mensch selbst bereit ist, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen. Das zeigt sich nicht daran, dass jemand nach einem Streit schöne Versprechen macht. Es zeigt sich daran, dass Rückmeldungen stehen bleiben dürfen, dass ein Fehler nicht sofort zurückgegeben wird und dass sich Verhalten über Zeit verändert.

Die Diagnose beantwortet dir nicht, ob das gerade geschieht. Sie beantwortet auch nicht, welche Grenze für dich richtig ist. Und sie nimmt dir nicht die Entscheidung ab, ob die Beziehung dir Raum gibt oder dich dauerhaft erschöpft. Deshalb ist die hilfreichere Frage selten "Was hat mein Partner?" Sie lautet: "Was geschieht zwischen uns, und was brauche ich, und was braucht mein Partner, damit es mir in dieser Beziehung gut gehen kann?"

5. Der Blick nach innen: Wie du deinen Partner einlädst, deine Position zu hören

Dieser Abschnitt ist keine Schuldumkehr. Wenn dein Partner dich klein macht, deine Grenzen missachtet oder deine Wahrnehmung verdreht, bist du nicht dafür verantwortlich. Gleichzeitig entsteht Veränderung in vielen Beziehungen nicht dadurch, dass einer den anderen als das Problem erklärt. Sie beginnt dort, wo wenigstens ein Partner aus dem Kampf um Recht, Schuld und Überlegenheit aussteigt.

Doch je stärker beide in einem Streit darauf drängen, desto weniger können sie die Position ihres Gegenübers hören. Weil die Wahrnehmung mit steigendem emotionalen Druck immer stärker auf sich selbst fixiert wird. Und ohne es zu merken, befinden wir uns schneller beide in einem narzisstischen Muster als uns bewusst ist - einem Muster, in dem wir nur noch die eigenen unerfüllten Bedürfnisse und verletzten Gefühle sehen, nicht mehr dagegen, wie es dem anderen eigentlich wirklich geht.

Eine andere Einladung beginnt mit einem Perspektivwechsel: "Ich glaube, ich verstehe, was dir daran wichtig ist. Darf ich dir sagen, was bei mir ankommt?" Damit gibst du deine Position nicht auf. Du bereitest einen Raum vor, in dem sie überhaupt landen kann.

Hilfreich sind drei kleine Schritte:

  1. Beschreibe eine Situation statt einen Charakter. "Als du gestern gesagt hast, das hätte ich mir ausgedacht, wurde ich unsicher" öffnet eher ein Gespräch als "Du verdrehst immer alles."
  2. Nenne die Wirkung statt nur die Schuld. "Dann ziehe ich mich zurück und traue mich nicht mehr, etwas anzusprechen" zeigt, was zwischen euch passiert.
  3. Bitte konkret. "Wenn wir uns unterschiedlich erinnern, lass uns kurz anhalten und beide Versionen stehen lassen" ist eine Einladung, die der andere annehmen oder ablehnen kann.

Diese Schritte sind kein Trick, mit dem du jemanden verändern kannst, der Veränderung ablehnt. Sie helfen dir aber, deine eigene Position klarer, ruhiger und würdevoller zu vertreten. Und sie zeigen dir oft schneller, ob dein Partner bereit ist, dir zuzuhören.

Nicht das Etikett entscheidet, sondern das Muster

Vielleicht ist dein Partner tatsächlich narzisstisch. Vielleicht ist er überfordert, gekränkt oder in einem Konfliktmuster gefangen, das ihr gemeinsam aufgebaut habt. Die ehrliche Antwort kann offen bleiben, ohne dass du handlungsunfähig wirst.

Schau auf die Wiederholung. Schau darauf, ob deine Perspektive Platz hat. Schau darauf, ob Worte über Einsicht auch zu Verhalten werden. Und schau darauf, wie du deine eigene Position so ausdrücken kannst, dass du dir selbst dabei treu bleibst.

Das ist keine schnelle Diagnose. Aber es ist eine klare Orientierung.

Podcast-Folge

Folge 28: Narzissmus

In Folge 28 von des Beziehungs-Mindset Podcasts ordne ich Narzissmus als klinische Störung wie auch als Alltagsphänomen ein und schaue auf verschiedene Ausprägungen, auf die Rolle von Empathie, Selbstregulation und Impulskontrolle sowie auf die Frage, wie wir narzisstische Muster bei uns selbst früher bemerken und sie schlussendlich vielleicht sogar durchbrechen können.

Zum Podcast von Beziehungs-Mindset

Quellen

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